Dienstag, 12. September 2017

Ein Tröpfchen Cannabisöl gegen chronische Schmerzen


Seit März dürfen Ärzte Cannabis auf Rezept verschreiben. Für viele Patienten könnte das ein Durchbruch in der Therapie sein. Wer der 72-Jährigen – wir nennen sie Melanie Lott – gegenüber sitzt, würde wohl niemals darauf kommen, dass sie wahrscheinlich gerade high ist. Die Seniorin, die ihren echten Namen lieber nicht nennen möchte, trägt gedeckte Farben und eine Perlenkette.


Ihr Einfamilienhaus liegt mit Blick über Wiesen und Weiden am Niederrhrein in einer betuchten Gegend. Ihr 71-jähriger Mann war früher Manager. Heute ist er Cannabisverfechter.

Seit Jahren schleckt die Seniorin täglich ein bis zwei grün-braune Tropfen Cannabis-Öl von ihrem Handrücken. „Ich hatte so schlimme Rheumaschmerzen, dass ich nichts mehr machen konnte“, sagt Lott. „Und dann hat ein Freund in der Zeitung von dem Öl gelesen und es mir empfohlen.“

Rheuma und Arthritis gehören zu den Krankheiten, deren Symptome sich laut Studien gut durch Cannabis behandeln lassen. Bis Ende 2016 durften rund 1000 Patienten in Deutschland die Droge mit einer Sondergenehmigung als Medizin konsumieren.

Ab März ändert sich das. Patienten wie Melanie Lott könnte Haschisch nun offiziell von Medizinern verschrieben werden – in manchen Fällen sogar in Form von Blüten (Prohibition in Deutschland: Lieferengpässe bei Cannabis für Schwerstkranke).

Vier Jahre ist die Empfehlung des Bekannten nun her. Seitdem bezieht Melanie Lott jeden Monat ein kleines braunes Fläschchen von niederländischen Bekannten, die selbst anbauen. 75 Milliliter sind das für 30 Euro. Sie bestehen aus einer Mischung zwischen CBD (Cannabidiol), THC (Tetrahydrocannabinol) und Olivenöl.

Während das THC auch berauscht, wird dem CBD vor allem eine entzündungshemmende und schmerzlindernde Wirkung zugeschrieben. „Ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas mal mache“, sagt Lott.

„Weil ich immer Angst davor hatte, Drogen zu nehmen. Aber dann war es das letzte Mittel, das noch übrig geblieben ist.“

Wer verstehen will, warum zwei Senioren auf solche Ideen kommen, warum sie riskieren, straffällig zu werden, der muss die Zeit um zwölf Jahre zurückdrehen. „Damals fing alles mit einem Gichtanfall im großen Zeh an. Kurz darauf wurde Rheuma diagnostiziert“, sagt Lott.





Erst schicken die Ärzte sie wochenlang ins Krankenhaus. Dann zur Kur. Sie operieren an den Füßen und verabreichen Infusionen. Aber nichts schlägt an. „Meine Schmerzen wurden immer schlimmer“, sagt Melanie Lott. „Irgendwann konnte ich nicht mehr gehen oder stehen.“

Schweren Herzens gibt sie ihren Job im Sonnenstudio auf. Einkaufen und sich um das Haus kümmern, muss nun ihr Mann. Irgendwann kommt Lott nicht mal mehr alleine zum Schlafzimmer in den zweiten Stock. Körper und Haus werden zu einem Gefängnis.

Sieben Jahre lang durchläuft Lott mehr als zwölf Basistherapien. Immer mehr Infusionen, mehr Tabletten, mehr Spritzen. Dann sagt einer: „Frau Lott, in Ihrem Körper verkehrt sich jede Medizin zu Gift. Wir können nichts für Sie tun.“

Melanie Lott wird depressiv. Abhängig von den schweren Schlafmitteln, die sich auf ihrem Nachttisch stapeln. Dann schickt ihr ein Freund einen Artikel aus einer niederländischen Zeitung. „Darin wurde beschrieben, dass Cannabis-Öl bei sehr vielen Krankheiten hilft, unter anderem Rheuma. Und es wurde die Organisation Medi Wiet genannt, über die man Informationen bekommen kann.“

Das war vor vier Jahren, und der Moment der Melanie Lott das Leben gerettet hat. „Ich habe mit drei Tropfen am Tag angefangen und direkt in der ersten Woche ging es mir besser.“ Sie kann wieder aufstehen, im Haus herumlaufen, den Treppenlift ignorieren. Bald kann sie sogar wieder kleine Gewichte wie einen Putzeimer tragen.

„Wenn man so viele starke Medikamente genommen und nichts gewirkt hat, dann kann man anfangs gar nicht glauben, dass ein pflanzliches Mittel so eine drastische Verbesserung bringen kann“, sagt Lott. Nach wenigen Wochen beginnt sie sogar, die normalen Medikamente zu reduzieren. „Ich brauchte sie einfach nicht mehr.“

Ein Einzelfall sind die Lotts nicht. Studien zeigen, dass Cannabis bei einer Vielzahl von Krankheiten hilft, darunter Glaukom, Migräne, Schuppenflechte, Spastiken, Multiple Sklerose und Krebs. „Normalerweise kann ein Wirkstoff ein oder zwei Krankheiten lindern, diese Vielfalt ist sehr selten“, sagt Franjo Grotenhernen. Der Kölner Mediziner kennt sich aus (Cannabis-Wirkstoff: CBD heilt Knochenbrüche schneller).

Von 1000 Ausnahmegenehmigungen für Cannabismedikamente in Deutschland hat er mehr als 300 für Patienten erwirkt. „Natürlich hat Cannabis auch Nebenwirkungen. Aber man muss sich klar machen, welche gefährlichen Nebenwirkungen Cortison, Neuroleptika, Psychopharmaka oder Opiate haben.“

An den Rauschzustand beispielsweise gewöhnen sich die Patienten mit der Zeit und spüren ihn nicht mehr. Das größte Problem sieht Grotenhermen darin, dass vielen Ärzten das Fachwissen über Cannabis fehlt.

„Deshalb werden sich sicher viele auch weiterhin davor fürchten, es zu verschreiben.“ Umso mehr, da die entsprechenden Medikamente mit 300 bis 500 Euro sehr teuer sind. „Das nimmt natürlich einen großen Brocken vom Arzneimittelbudget eines Mediziners.“

Melanie Lott kennt das Problem bereits. Obwohl alle Ärzte von ihrer gesundheitlichen Verbesserung begeistert waren, will ihr bislang niemand das Medikament aufschreiben. Nur ein Arzt hat es überhaupt versucht, doch die Krankenhausleitung war zu besorgt um ihren Ruf.

Für ihren Mann ist deswegen klar: Ohne Risiko kommen sie auf Dauer nicht weiter. „Wir haben einmal einen Urlaub auf Curacao gemacht und hatten zu viel Angst das Cannabis-Öl auf den Flug mitzunehmen“, sagt er.

Das Resultat war furchtbar. Innerhalb von drei Tagen musste Melanie Lott in die Notaufnahme, um sich starke Schmerzmittel geben zu lassen. Der Urlaub war im Eimer.



Noch dieses Jahr lernen die beiden deshalb in einem Workshop, wie man Cannabis-Öl zu Hause zubereitet – und wie man es anbaut. Fünf Pflanzen sollen dann im Garten ein Plätzchen finden.

„Es ist die einzige Möglichkeit, die wir haben, ihre Lebensqualität zu erhalten“, sagt Klaus Lott. Denn auch wenn das Rheuma besser ist, ganz verschwinden wird die Krankheit nie (Die Pharmaindustrie fürchtet sich vor dem Erfolg von Cannabis (Videos)).

„Und, was noch wichtiger ist: Früher hat meine Frau nur existiert, jetzt lebt sie wieder und ist immer so positiv. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass sie immer ein bisschen high ist. Aber das ist völlig okay.“




Quelle: https://www.pravda-tv.com/

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